Montag, 18. September 2017

Tabas Richtung Kerman

Gestern Abend fand ich dann endlich eine Mail von Martina vor. Sie waren vor 4 Tagen in Garmeh, also gar nicht so weit weg von der Route, die ich gestern gefahren war. SIM-Karte haben sie zwar keine, aber immerhin ist Martina über Whatsapp erreichbar und auch per email. Meinen Blog können sie nicht lesen, dazu braucht es wahrscheinlich irgendeine VPN-Möglichkeit. Gleich am Beginn meiner Fahrt traf ich ein älteres Paar mit Wohnmobil, die zwar Franzosen waren, aber irgendwo in Baku wohnten. Sie sind seit 7 Monaten damit unterwegs und langsam auf dem Heimweg. Weiter ging es auf guter Straße Richtung Deyhuk, wo dann sogar ein Stück Autobahn kam. Das dauerte aber nicht lange, dann kam eine recht schlechte Straße mit vielen Schlaglöchern und Flicken. Hinter Arababad ging es ständig tiefer und wurde immer heißer. Der Wind blies so heftig von der Seite, dass mein Mopped fast durchgehend 20 Prozent Schräglage hatte. Der Ort Nayband ist am Kuh-e Nayband gelegen, einem sehr schönen Bergrücken. Bis Darband ging es dann noch tiefer auf 600 m runter, und außen herum war nur noch Sandwüste. Windhosen tobten über die Wüste, kein Grün weit und breit. Und doch ist hier eines der Rückzugsgebiete des Iranischen Geparden, auf den mehrmals mit Schildern hingewiesen wurde. Ich frage mich, was die da zu fressen finden. Ich habe zwar heute einzelne Dromedare gesehen, aber die sind ja wohl zu groß. Jedenfalls war das der bisher heißeste Flecken im Iran, deutlich über 40°C und echte, lebensfeindliche Wüste namens Dasht-e Lut. Das nächste Städtchen Ravar war dann wieder im Gebirge gelegen, dem Kuhha-ye Kuhpaye. Diese beeindruckenden Berge reichen dort bis knapp 4000 m hoch und sind in verschiedenen braunen und roten Tönen einfach gigantisch anzusehen. Die jetzt wieder gute Straße stieg wieder auf 2400 m an, und es wurde merklich kühler. Hinter Haruz kam noch ein kurzes Stück Autobahn nach unten, wo natürlich wieder Polizisten mit der Radarfalle warteten. In der Wüste allerdings war es ihnen auch zu heiß, heute musste ich nicht einmal anhalten, um ihre Neugier zu befriedigen. In Kerman hatte ich mir das Hotel Akhavan aus dem Reiseführer rausgesucht und auch schnell gefunden. 40 Euro mit opulentem Abendessen und Frühstück, da kann man nicht klagen. Und endlich auch mal wieder ein paar Touristen, u.a. ein deutsches Pärchen, die morgen auch einen Ausflug nach Shahdad machen wollen. Ein Tag wie ich ihn mir im Iran öfters wünschen würde, kaum Verkehr, großartige Natur, und keine neugierigen Iraner, sondern höchstens mal die immer freundlichen LKW-Fahrer mit ihrer Familie im Führerhaus. (Track18)

Sonntag, 17. September 2017

Schwätzchen mit gelangweilten Polizisten

Die ganze Nacht war ziemlich Trubel an der Tankstelle, und ich war froh, mich ein Stück entfernt hinter einen Wall platziert zu haben. Mitten in der Nacht verfing sich dann noch ein streunender Hund in meinen Zeltleinen, da bekamen wir beide einen ganz schönen Schrecken. Als ich morgens zum Zähneputzen wollte, waren da gerade 30 junge und äußerst hübsche Iranerinnen - im Männerklo. Ich wollte schon wieder rausgehen, weil ich dachte, ich sei im falschen Klo, aber sie meinten, das wäre schon richtig. In der Beziehung haben die Iraner weit weniger Ängste wie wir.
Das Packen dauerte schon mal ewig, und dann erwischte mich auf noch "Montezumas Rache". Zum Glück bin ich tablettenmäßig ja wie ein Arzt ausgestattet, das gehört zu so einem Urlaub einfach dazu. Bei knapp 40°C sind die kalten Getränke alles andere als gut für den Magen. Um 10 Uhr waren die iranischen Zelte schon alle abgebaut und ich wieder mal der letzte. Die Fahrt ging zuerst durch eine heiße Senke mit Geröllwüste und später Salzwüste. Auf den 150 km bis Jandaq hatten schon 2 Polizeikontrollen Interesse an mir. Der eine wollte sogar den Pass sehen, prüfte Visum, rief dann noch seinen Kollegen herbei, um ihm seinen Fang zu zeigen. Dem musste ich dann auch noch die Hand schütteln, woher, wohin, und wieviel PS das Motorrad hat. Dafür wurde ich mit kaltem Wasser und Biskuits versorgt. Nach Jandaq ging es dann wieder nach oben zum Rashid Kuh, eine sehr schöne Gebirgsformation. Dort wollte ich dann nach links Richtung Khor, die Polizisten dort wollten mich aber unbedingt nach rechts Richtung Nain schicken. Jeder fummelte an meinem GPS herum, das werde ich zukünftig vor einer Kontrolle abschalten. Dann versuchen sie immer, die Karte vom Tankrucksack wegzureißen, die mit Klett dranklebt. Auch dieses Mal werde ich zum Tee und kalten Wasser eingeladen, aber in dieser dichten Folge bringt das nicht nur meinen Zeitplan durcheinander, sondern nervt mich auch. Ich bin nämlich derjenige, der in voller Montur in der Sonne steht, sie selbst ziehen sich zwischendurch immer wieder in den Schatten zurück. Schließlich sagte ich, dass ich Freunde in Tabas treffen wollte, die aus Mashhad kämen, da endlich ließen sie mich Richtung Khor passieren.
Kurz hinter Khor traf ich einen Schweizer auf einem Fahrrad, der seit 5 Monaten hier unterwegs ist. Er ist mit 54 Jahren Frührentner, aus gesundheitlichen Gründen. Er meinte, ihm werde es hier langsam zu kalt, er würde in 2 Wochen nach Thailand fliegen, wohin er gerade im Begriffe sei auszuwandern. 40°C und kalt, der Mann hat einfach ein anderes Temperatur Gefühl. Er liebe die Hitze und die Wüste, bei 50°C in der Australischen Wüste hätte er sich gerade richtig wohl gefühlt. 200 km am Tag hat er schon geschafft, wenn keine großen Berge dazwischen lagen; wohlgemerkt ein Mountainbike mit dicken Rädern und Taschen vorn und hinten, kein Rennrad! Alle Achtung! Er kam gerade aus Mashhad und hat von Hartmut auch nichts gesehen.
Anschließend ging es noch einmal sehr schön hoch in eine tolle Bergszenerie mit vielen Sanddünen. Immer wieder wurde vor Dromedaren gewarnt, aber ich bekam keine zu sehen. In Tabas war ein Hotel auf der Karte verzeichnet, und das steuerte ich auf der Suche nach Internet auch an. 25 Euro ohne Frühstück, Internet kostet auch noch einmal einen knappen Euro, aber direkt gegenüber der Moschee, die dann die Gläubigen auch bald zusammenruft. Ich finde, das klingt immer sehr schön. Da in meinem Zimmer ein Gasherd ist, nehme ich das zum Anlass, meine letzte Packung Nudeln zu verspeisen. Den Blog konnte ich schreiben, aber mit den GPS-Daten will es nicht klappen. Damit ihr so ungefähr eine Ahnung habt, reine Luftlinie sind es etwa noch 400 km nach Afghanistan im Osten und rund das Doppelte nach Dubai im Süden.
 (Track17)


Rastplatz-Camp - man beachte den Müllmann rechts

da lag mein Zeltplatz doch etwas ruhiger

Müllabfuhr heißt einfach, in irgendein Loch reinkippen ... der Wind bläst schon alles weg

tolle Farbkombinationen in den Bergen

Lehmhäuser ... hier schon am Zerfallen

Salzwüste
Sandwüste
tolle Berge immer wieder





Moschee in Tabas

und dasselbe bei Nacht

vom Damavand in die Wüste

Zum Frühstück gab es zwar nichts, aber ich kam trotzdem erst um 10 Uhr los. Auf der kleinen Straße hoch oben über der Schnellstraße nach Teheran war kein Mensch, das gefiel mir. Einige Imker hatten ihre Bienenkästen aufgestellt und verkauften Honig. Schließlich kam ich zur Schranke, wo man mit dem Geländewagen zum Basislager des Damavand hochfahren kann. Es war noch reger Betrieb, einige fuhren hoch, andere kamen herunter, aber es schienen mir keine Ausländer dabei zu sein. Leider ließ der Damavand seinen schneebedeckten Gipfel immer nur kurz zwischen den Wolken durchscheinen. Bei Polour musste ich mich entscheiden: entweder Schnellstraße Richtung Teheran weiter, oder ein kleines Stück zurück und über eine kleine Bergstraße nach Firuzkuh. Ich entschied mich dann doch für die schnelle Variante, auch um 100 km Schotterpiste zu vermeiden. Durch ein paar Tunnel war ich im Nu auf der Schnellstraße Teheran nach Mashad.
Bis Firuzkuh ging es wunderbar in etwa 2000 m Höhe die Schnellstraße entlang mit tollen Bergpanoramen. Dann ging es auf kleinerer Straße Richtung Semnan nach Südosten, das wesentlich tiefer lag und entsprechend heiß war. Normalerweise geht hier schon die Straße ab nach Mo'alleman, aber da ist wohl inzwischen militärischer Sperrbezirk irgendwo, und es sind schon mehrere Touristen kurzzeitig festgenommen und verhört worden, teils bis zu 3 Tagen. Ich habe immer wieder Polizisten - ein ganz netter vor Semnan und der erste, der mich angehalten hat, aber nur aus Neugier und um sein Englisch zu präsentieren - und Tankwarte gefragt, aber niemand konnte mir sagen, ob ich fahren kann oder nicht. Um da nichts zu riskieren, bin ich eben die gut 110 km Umweg nach Damghan gefahren und dort erst nach Süden abgebogen. Bis Damghan fährt man dabei immer die Kette des Alborzgebirges entlang, sehr schön. Durch die kältere Luft aus den Bergen gab es streckenweise enormen Seitenwind. Vor der Wüste lud ich an der Tankstelle alles ab, um noch einmal randvoll Benzin zu bunkern. Als ich alles unten hatte, sagte der Tankwart, hier gäbe es nur LPG, kein Benzin. Ich könne aber sein Mopped haben und schnell zur Tanke gegenüber fahren. Na, ich bin dann doch lieber gelaufen, denn die U-Turns sind rar und man muss möglicherweise doch schon einiges fahren. Beim Rückweg hat mich dann ein netter Autofahrer mitgenommen. Der Tankwart lud mich dann noch zu einem Tee ein, und dann ging es los Richtung Süden. Auch hier versuchte die Polizei mich wieder zu blitzen, ich bin heute an bestimmt einem Dutzend Polizeikontrollen mit Laserpistole vorbeigekommen. Das Gute ist, da sie den Fahrer ins Visier nehmen müssen, sieht man sie meist auch ganz gut. Und wie bei uns stehen sie da, wo es ordentlich zu kassieren gibt. Aber die wüstenartige Landschaft mit den Bergen ohne Autos, das ist meine Welt, hier bin ich wieder zufrieden. Viel zu schnell wurde es dunkel, so dass ich gerade noch bis Mo'alleman kam. Da habe ich mein Zelt einfach einige Meter hinter der Tankstelle in ein Geröllfeld aufgestellt. Ich kann an der Tanke aufs Klo, mir die Zähne putzen und Getränke kaufen. Mal sehen, ob da noch lang Betrieb ist. (Track16)

Morgenplausch vor meinem Fenster

Damavand Eingangstor

Damavand Gipfelroute

Blick auf die Schnellstraße unten, heute ohne Stau

und noch ein Blick von oben

die Straße von Firuzkuh nach Semnan

immer entlang des Alborz-Gebirges

Tanken geschafft, jetzt ein Tee

von diesem freundlichen Tankwart

Freitag, 15. September 2017

vom Kaspischen Meer ins Alborz-Gebirge

Inzwischen bin ich wieder etwas heruntergekommen und bereit für neue Abenteuer. Das Frühstück bestand nur aus Tee und so ein paar Mehllappen, die man mit Marmelade oder Honig genießbar macht. Das Kaspische Meer direkt vor dem Hotel ist eigentlich ein See, und zwar der größte der Welt. Rund 650 mal passt der Bodensee hinein. Nebenan ist auch ein kleiner Strand, aber da Baden verboten ist, spielen nur ein paar Kinder im Wasser. Heute geht es wieder hoch ins Alborz. Dieses fast 6000 m hohe Gebirge sorgt dafür, dass sich die Wolken vom Kaspischen Meer abregnen und mit bis zu 1800 l/qm für fruchtbare Landwirtschaft sorgen. Tee und Reis sind einige der Hauptprodukte hier. Von Teheran auf der anderen Seite des Gebirges soll eine Autobahn gebaut werden, damit die reichen Leute noch schneller bei ihren Ferienhäusern am Kaspischen Meer sind. Mal sehen, was ich heute zu sehen bekomme.
Von Hartmut, Martina und Helmut habe ich nach wie vor nichts gehört. Gestern gelang es mir sogar, die privaten emails meiner GMX-Adresse abzurufen, aber auch da war nichts. Schade, da wird es schwierig mit einem Treffen unterwegs. Jetzt bin ich wahrscheinlich erst mal einige Tage ohne Internet. (Track15)
trotz schönem Wasser "Baden verboten"
ein paar Kinder halten sich nicht dran
mein Hotel am Kaspischen Meer
Borussia Dortmund vermarktet sich auch im Iran
ein Imker bei der Arbeit
das wollte ich ablichten, als mein Mopped umfiel
Jetzt ist es schon wieder dunkel, und ich bereue immer mehr, soviel Geld und Zeit für den Iran verschwendet zu haben. Zuerst fuhr ich die Straße von Abbasabad nach Kalardasht hoch. Kaum zu glauben, was diese paar Höhenmeter ausmachen, die tropische Schwüle ist einer angenehmen Wärme gewichen. Das dachten sich wohl auch die tausenden Iraner, die entlang der Straße in den Wälder ihr Wochenende verbringen. Ja Wochenende, denn der Freitag ist hier der eigentliche Feiertag. Überall Lampions und Büdchen, Grillgerüche und ausgebreitete Decken, und natürlich alles mit Autos zugeparkt. Als ich davon ein Bild machen wollte und schon abgestiegen war, kippte das Motorrad plötzlich über den Seitenständer nach links zur Seite. Ich sah es zwar noch kommen, konnte die Maschine aber nicht mehr halten. Vollgetankt, und dazu noch rund 6 Liter Flüssigkeit, da muss die KTM ziemlich gerade stehen, sonst kann sie umkippen. Ich versuchte, die vorbeifahrenden Autofahrer zum Helfen zu animieren, es waren bestimmt an die 50 Stück, ohne Erfolg. Sonst schwätzt jeder mit einem, hupt und will ein Foto, aber wenn ich mal offensichtlich Hilfe brauche, hält keiner an. Die meisten wollen nur ihr eigenes Ego mit so einem Ausländer auf einer Enduro schmücken, aber echtes Interesse ist nur bei wenigen vorhanden. Ein junger Mopedfahrer half mir schließlich beim Aufstellen, meinen Dank dafür auch hier noch mal. Trotz dieses einfachen Umfaller brach der Kupplungshebel, zum Glück an der Sollbruchstelle. Es ist zwar etwas sonderbar, mit einem so kurzen Hebel zu arbeiten, aber es geht. Zweites Defekt war ein zersplitterter linker Außenspiegel. Den tauschte ich beim Tanken dann gegen den rechten, damit sehe ich, was von hinten kommt. Das Ganze wieder mal wegen viel zu viel Gewicht, das ich auf dem Motorrad mitschleppe.  Trotzdem noch einmal Glück gehabt.
Verunsicherten die iranischen Kamikaze-Fahrer mich sowieso schon, macht dieses Erlebnis es auch nicht besser. Was ist, wenn ich mal wirklich in Not bin, hilft mir dann auch keiner? Eine Weile später rief mir ein Autofahrer etwas auf deutsch zu, und ich hielt mit ihm zusammen am Straßenrand an. Er wohnt abwechselnd in Köln und im Iran, war sehr nett, und gemeinsam mit andern Iranern fachsimpelten sie über den besten Weg nach Damavand. Es gäbe nämlich das Problem mit dem Teheraner Wochenendverkehr. Wochenende ist im Iran Donnerstag und Freitag, deshalb auch gestern schon der ständige Stau bei der Fahrt zum Kaspischen Meer. Und tatsächlich, als ich in Marzanabad auf der großen Verbindungsstraße nach Teheran war, kam der erste Stau schon nach 3 km. Da ging gar nichts mehr, so kam ich von der 59 auch nie auf die kleine Seitenstraße 240 nach Baladeh. Einzige Alternative: wieder runter in die Schwüle am Kaspischen Meer nach Now Shahr und in Amol auf der 77 ins Alborz-Gebirge. Die 28 km Autobahn nach Now Shahr hätte ich mit dem Motorrad eigentlich gar nicht fahren dürfen, aber bei der Mautstelle stellte ich mich doof, zahlte nichts, und auch die Polizei daneben sagte nichts. Kurz vor Nur gab es dann sogar ein Wäldchen, in dem ich gestern gut hätte zelten können. Und gegenüber war sogar ein richtiger Strand mit Bademöglichkeit. Schließlich ging es ab Amol wieder ordentlich nach oben, knapp 100 km noch beim Tanken bis Damavand. Was aber dann kam, war Stau ohne Ende. Bei jedem der zahlreichen Tunnel mussten alle Spuren auf eine zusammenrücken, da gab es auch bei den Iranern untereinander ganz schönes Gekeife. Einmal kam ich fast eine Stunde nur immer mit Kupplung einen Meter vor, um wieder zu warten, dann wieder einen halben Meter. Zog man nicht gleich nach, drängte sich schon ein Anderer in die Lücke. Das einzige Highlight im Stau war ein mit einem Fahrer und 3 jungen iranischen Frauen besetzter Wagen direkt vor mir, die zu lauter Musik hin und her hüpften, so dass das ganze Auto wackelte, und so laut mitsangen, dass sich die umgebenden Autos zum mit Hupen animiert sahen. Immer wenn das Kopftuch runterrutschte, wurde es artig wieder hochgezogen, aber bei uns in der Disko geht es auch nicht anders zu. Ehrlich, ich habe bei dem Begriff Iran an Stau allenfalls in Teheran oder den großen Städten gerechnet, aber nicht mit 100 km Staulänge. So kam es dann, dass ich mein Tagesziel um Längen verfehlte. Um dem Stau zu entkommen, fuhr ich in Gazarnak rechts hoch nach Reineh. Hier starten die Touren zur Besteigung des Damavand, mit 5671 m der höchste der Berge hier. Im Winter kommen die Teheraner ins Alborzgebirge zum Skifahren, im Sommer genießen sie die Kühle. Da ich keinen geeigneten Zeltplatz fand, fragte ich wieder im Ort und fand ein Hotel. Kein Internet, kein Frühstück, alles ziemlich heruntergekommen, aber nur mit Müh und Not konnte ich ihn auf 25 Euro  runterhandeln. Auf der Dachterrasse machte ich mir Käsenudeln, und überlege nun, wie es weiter geht. 2 Tage Verspätung wäre kein Problem, einen Reservetag habe ich ja ohnehin eingeplant. Aber im Stau fahren kann ich auch daheim haben, dazu muss ich nicht in den Iran fahren. Ich versuche morgen nach Firuzkuh und Semnan zu fahren; von dort kann man wohl nicht mehr direkt nach Mo'alleman, weil da in der Zwischenzeit militärischen Sperrgebiet wegen eines Raketentestgeländes ist. Da müsste ich dann wohl den Umweg über Damghan oder sogar Shahrud machen. Ich hoffe, dass ich in der Wüste dann wieder die Einsamkeit finden werde. Bam und Qeshm Islands würde ich dann ggfs. auslassen und lieber einen Tag länger in Isfahan zubringen.
Fahrt durch das Alborz-Gebirge
Blick vom Balkon meines Hotelzimmers in Reineh (HDR)

Donnerstag, 14. September 2017

Masouleh, Rasht-Hour und Speed Bumper

Schlimmer geht nimmer, ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, meine Reise im Iran zu verkürzen und lieber noch länger in Armenien und Georgien herumzufahren. Dabei hatte ja noch alles ganz gut angefangen.
Um kurz vor 8 Uhr war ich geduscht und rasiert und wollte mein Frühstück zu mir nehmen, aber der Mann an der Rezeption schlief noch hinter selbiger mit einer Decke übern Kopf. Internet ging auch nicht, da hatten sie mir pünktlich um 22 Uhr den Saft abgedreht. Ok, lese ich halt noch was. Frühstück war recht einfach, aber der Tee mit dick Zucker schmeckte gut. Um 9 Uhr gab es dann sogar wieder Internet, aber mehr als eine Whatsapp ging nicht raus, dann war es das auch schon wieder. Ja, ihr hört richtig, Whatsapp geht offensichtlich ohne Probleme, sofern Internet da ist. Den Blog konnte ich allerdings nicht mehr weitermachen, folglich das Moped bepackt, und gegen 10:30 Uhr wieder viel zu spät vom Acker gemacht. Der eine Hotelangestellte hatte den Iranern schön brav ihre Koffer ans Auto gebracht, mir allerdings nicht geholfen. Dafür wollte er dann bei der Abfahrt noch Trinkgeld, was ich verweigert habe. Ich fand das Hotel teuer genug.
Mein Navi weigert sich momentan immer, die übertragene Route neu zu berechnen; die Fehlermeldung besagt in etwa, die Kartendaten stimmen nicht mit der Route überein. Ich will da jetzt auch nichts kurzfristig kaputt schießen, also muss es ohne Routing nur mit Anzeige gehen. Das erfordert natürlich mehr Schauen auf die Verkehrsschilder, und die sind oft nur auf Farsi. Immerhin gelang es mir nach Shahrud (auch Kolur genannt) zu finden, auch wenn ich manchen Kreisel mehrmals fahren musste. Dann freute ich mich über eine super Bergstraße mit unzähligen Kurven. Später wurde daraus sogar eine neu asphaltierte Strecke, mit allerdings deutlich entschärften Kurven. 40 km vor Masouleh war Schluss mit dem Teer, zuerst kam eine breite Piste; diese war schon die Vorarbeit für die wohl bald folgende neue Teerstraße. Dann kam ein Stück alte Schotterstraße, und dann kam die Stelle, wo gerade zwei Bagger die Felswand ab hämmerten, um Platz für die neue Straße zu schaffen. Da war gerade mal ein halber Meter Platz, wenn der Bagger sich längs drehte, und es lagen nicht nur große Geröllbrocken darauf, sondern es ging seitlich auch ganz schön runter. Mit Fußeln und Kupplung hatte ich die heikle Stelle hinter mich gebracht, da kam ein Schild, noch 27 km bis Masouleh. Nur schmaler Weg, überall wurde gearbeitet, und nach einer Weile wurde der Weg von einem Riesenteil gleichzeitig aufgepflügt und glatt geschoben. Da war dann für die Autos erst mal Schluss, aber mit der KTM konnte ich mich durchwühlen. Statt nach einer war ich nach 3 Stunden in Masouleh, und was ich da vorfand, das hatte ich nun wirklich nicht geglaubt.
Masouleh sollte ja ein schönes Bergdorf sein. War es bestimmt auch mal. Aber tausende von Iranern, die täglich vom schwülwarmen Kaspischen Meer hierher kommen, hinterlassen Spuren. Die Autos müssen Maut zahlen, ein Polizist versucht, den Verkehr zu regeln, das halbe Dorf besteht nur noch aus Andenkenläden, die genau denselben Schund verkaufen wie die in Neuschwanstein oder der Drosselgasse. Jeder wollte mit oder ohne mich an der KTM abgelichtet werden; meist können die jungen Töchter Englisch und dolmetschen dann. Mir ging der ganze Rummel tierisch auf den Nerv, aber da wusste ich noch nicht, was der Tag noch bringen würde. Das einzig Gute in Masouleh war, dass zum ersten Mal seit Langem wieder ein paar Wolken vom Kaspischen Meer heraufzogen. Dafür wurde es dann mit jedem Meter abwärts schwüler.
Euch sagt ja sicher der Begriff "Sonntagsfahrer" etwas? Das waren die, die beim Runterfahren den ganzen Verkehr aufhielten, weil sie keinen Stress haben wollten. Und dann gibt es da den iranischen Normal-Autofahrer, wie ich es noch in keinem Land bisher erlebt habe. Gegenverkehr, macht nichts, kann doch einer von denen beiseite fahren. Motorrad, der braucht keine Straße, der kann nebendran fahren. Links überholen und dann scharf rechts ran und Vollbremsung, weil dort die Weintrauben zu kaufen sind. Vom Straßenrand in den Verkehr reinfahren ohne Blinker und alles, einer wird mich reinlassen. Kurzum, das ist Kamikaze pur, und mich stresst das ungeheuer, weil ich so auf die Autos um mich herum achten muss. Dazu kommen dann noch die Speed Bumper, in jeder Stadt alle paar hundert Meter, bei einer Seitenstraße, am Ende der Autobahn, in jedem Dorf, ich habe heute gefühlt 10000 solche derben Stöße abbekommen und mir jetzt wirklich den Hintern davon wundgescheuert. Früher hatte ich manchmal eine Radlerhose zum Motorradfahren an, aber die habe ich wohl vergessen.
Rasht ist eine große Stadt etwa auf Meereshöhe und entsprechend tropisch schwül. Allein für die Durchfahrt brauchte ich eine Stunde, das Wasser lief mir so runter. Vielleicht sollte es gar nicht Rushhour heißen, sondern Rasht-Hour. Auf der Karte war dann eine Schnellstraße nach Ramsar eingezeichnet, für die 100 km rechnete ich 1 1/2 Stunden. Was aber kam, war eine Stadt nach der anderen, die ganze Küste des Kaspischen Meeres runter. Es war Verkehr wie am Freitag Nachmittag rund ums Frankfurter Kreuz. In Ramsar gibt es sogar einen Freizeitpark mit Gondeln und dem ganzen Zeug, was es in unseren Vergnügungsparks auch so gibt. Vom Campingplatz keine Spur, eine grüne Wiese zum Zelten war auch nicht in Sicht, und die Hotels alle ausgebucht. Eines fand ich dann, die wollten 2,7 Millionen Rial, also über 60 Euro. Das war mir zu teuer, außerdem war ich jetzt seit Masouleh nur noch von Massen von rücksichtslosen Autofahrern umgeben, ständig Lärm und Gestank, ich fragte mich so langsam, warum ich mir das freiwillig angetan habe. Ich wollte Einsamkeit und Natur, habe ja deshalb schon bewusst auf Teheran, Mashhad und Qom verzichtet, aber nicht diese Menschenmassen. Jeder blinkt mich an, aber ich kann nun mal mein Tageslicht nicht ausstellen, weil es bei uns gesetzlich so vorgeschrieben ist. Jeder Nachbar im Stau quatscht und hupt mich an, dabei habe ich alle Hände voll zu tun, keinen Unfall zu bauen. Wenn ich dann aber abends nach einem Hotel frage oder einer Übernachtungsmöglichkeit, dann braucht man zumindest am Kaspischen Meer nicht damit zurechnen, irgendwohin eingeladen zu werden. Verdammt spät fand ich schließlich doch noch ein Hotel am Meer, das kostet 1,5 Millionen Rial. Der Wirt ist nett, aber das Zimmer ohne Fenster nach draußen und ziemlich oll; aber es hat einen Vorteil, es hat Klimaanlage, und die braucht man hier. Morgen geht es dann wieder in die Berge Richtung Damavand, und ich hoffe, ich finde wieder das, was ich mir hier erhofft hatte. Natur und keinen Vergnügungspark, einzelne freundliche Menschen und nicht Tausende von durchgeknallten Machos auf der Straße. Wenn man hier ist, kann man kaum glauben, dass es irgendwelche religiösen Gebote zur Lebensführung geben soll. Alles ist Konsum und Sucht nach Erlebnissen, genau wie bei uns.  (Track14)
hier noch gut zu fahrende Piste als Vorbereitung für Teerstrasse

schwierige Passage hinter dem linken Bagger

so sah die alte Straße aus

sehr schöne Kulisse

Richtung Kaspisches Meer ist alles grün

Masouleh Wasserfall

iranische Drosselgasse

da habe ich mich auch mal abbilden lassen

beschauliches Masouleh?

Stress pur für alle, aber das machen wir daheim Am Wochenende ja auch

Masouleh

Mittwoch, 13. September 2017

Gebirgsstrasse nach Ardabil und weiter nach Khalkhal

Die Sonne weckte mich, und kurze Zeit später kam mein "Gastgeber" mit Fladenbrot und Tee. Das Packen dauerte doch ziemlich lange, erst um 10 Uhr konnte ich mich verabschieden und losfahren. Die Straße geht Richtung Armenische Grenze und ist kaum befahren. Die Dörfer sind bezaubernd, es dreht sich alles um die Schafe und Kühe sowie etwas Landwirtschaft. Nach einem Viertel der Gesamtstrecke hörte die Teerstraße dann plötzlich auf, und es ging übelste Schotterpiste weiter. Ich war so damit beschäftigt, nicht umzufallen, dass ich vor lauter Anspannung keine Fotos gemacht habe. Nach 20 km sah ich endlich wieder das graue Band einer Teerstraße, was war ich froh. Die Gebirgslandschaft veränderte sich und wurde zunehmend lieblicher, bis es wieder abwärts ging, und damit natürlich wieder heißer wurde. Der Tankwart half mir beim Kette einsprayen, außerdem spendierte er mir Wasser und Honigmelone.
Je näher ich Ardabil kam, desto größer der Gestank. Ganze Felder wurden abgebrannt, dazu der Russ aus den LKWs. Wer schon mal bei knapp 40°C im Motorradanzug im Stau gefahren ist, weiß, wie ich mich fühlte. Der Ventilator lief auf Volldampf, mir lief die Brühe runter, und jeder zweite Autofahrer wollte mit mir beim Fahren ein Schwätzchen halten. Dabei noch auf die richtige Richtung zu achten, ist nicht einfach. Schließlich kaufte ich mir noch eine kalte Cola und Wasser und beschloss, Ardabil nicht anzuschauen, sondern gleich weiter zu fahren Richtung Masouleh. Es gab doch relativ viele Geschwindigkeitskontrollen rund um Ardabil, da musste man höllisch aufpassen. Gegen 19 Uhr bog ich von der Hauptstraße ab und fuhr wieder eine Bergstraße hoch. Es war aber immer noch alles stark bevölkert, kein Schlafplatz wollte sich finden lassen. Kurz vor Khalkhal hielt ich bei einem schönen Gartengrundstück mit Springbrunnen und fragte nach einem Hotel. Ich hoffte, hinten auf der Wiese vielleicht übernachten zu dürfen, aber es gab tatsächlich ein Hotel, bei dem der nette Besitzer anrief und mir ein Zimmer reservierte. Vorher musste ich aber noch einen Tee mit ihm und einem Freund trinken, und zum Süßen gab es eigenen Honig. Er zeigte mir noch ein Zertifikat aus Schweden über die Güte seines Honigs, offenbar war der Mann Imker. Natürlich bekam ich auch noch ein Glas Honig geschenkt.
Das Hotel ist ein wenig frustrierend, das Zimmer hat aber ein Sitzklo und Dusche, also soweit ok. Mit Frühstück kostet das 3Sterne-Hotel 1150000 Rial, das sind etwa 27 Euro. Bei einem iranischen Monatsverdienst von 400 Euro finde ich das total teuer, aber der normale Iraner übernachtet auch nicht in so einem Hotel.  Immerhin, das Internet geht in der Lobby, wenn auch nur auf Umwegen, die ich jetzt nicht genau beschreiben will. Morgen geht es ans Kaspische Meer, bevor es dann wieder in die Berge geht. Die Berge gefallen mir, aber an die Städte und den ganzen Dreck und Gestank kann ich mich noch nicht so recht gewöhnen. Als ich eben durch Khalkhal fuhr, waren tausende Leute auf der Straße zum Flanieren, das sah toll aus. Aber jetzt bin ich zu schlapp, da noch einmal hinzugehen. (Track13)
meine erste Nacht im Iran

bis hierhin ging der Teer, dann folgten 20 km üble Piste

hier zum Glück schon wieder gut zu fahren

eindrucksvolle Gebirgslandschaft

Auto und Teppiche waschen


Kuh-e Sabalan 4811 m hoch